Lebensberatung

Die Geschichte der Seele – Die Seele als Objekt dogmatischer Glaubensstreitigkeiten

Bis zum zweiten Jahrtausend n. Chr., also in den folgenden 500 Jahren, widmeten sich die Philosophen nicht mehr der Seele. Alles Wichtige las man bei Augustinus nach. Man maß der Beschäftigung mit psychischen Vorgängen keine praktische Bedeutung zu.

Glaubensdogmen umrissen in dieser Zeit die Theorien der Seele. Man wertet diese Zeit als finsteres Mittelalter ab. Diese Phase kommt einer kollektiv-psychischen Introversion gleich. Doch zum Ende des 1. Jahrtausends kommt man in Berührung mit den Arabern, besonders in Spanien. Aufs Neue wenden sich nun die Theologen und Gelehrten in den Klöstern dem Problem Seele zu.

Aristoteles findet in Europa wieder Verbreitung. Man übersetzt ihn ins Lateinische durch IBM RUSCHD, den man AVERROES nennt (1126-1198). Auch das aristotelische Werk von IBM SINA (980-1057), den man AVICENNA nennt, ist in diesem Zusammenhang zu sehen.

Auf das genannte Werk geht die Schrift “De intellectibus” des PETRUS ABÄLARD (1079-1142) zurück, eine Untersuchung des Bewusstseins.

Darin unterscheidet er folgende drei Begriffe: Die sogenannten universalia post rem (einzelne Begriffe unseres Verstandes), die universalia in rem (Gottes Ideen, die in Dingen wirken) und die universalia ante rem (Urideen der Dinge).

Durch das Bewusstsein ist es dem Menschen möglich, aus einzelnen sinnlichen Bildern allgemeine Begriffe zu schaffen. Das Bewusstsein ist eine Auswirkung der Geist-Seele.

Höhere und niedere Tätigkeiten des Bewusstseins untersucht JOHANNES VON SALISBURY(1115-1180).

Dem Willen gelten die Untersuchungen des Engländers JOHANNES DUNS SCOTUS (1266-1308). Nach seiner Anschauung zeichnet den Menschen vor allem sein Wille aus. Keine Erkenntnis ist ohne den Willen möglich Man rechnet diese und andere Wissenschaftler den Scholastikern zu. Doch bedingt durch die Wiederentdeckung der Schriften von ARISTOTELES und PLATON entwickeln sich verschiedene Schulen.

Die einen neigen zu ARISTOTELES, die anderen zu PLATON. Die antiken Vorstellungen über die Seele werden mit christlichen Gedanken durchsetzt. Vorbild ist dabei AUGUSTINUS.

Einen ersten Angriff auf diese dogmatischen Lehren führt ALBERTUS MAGNUS (1206-1280). Er war Dominikaner in Köln. Er wendet sich gegen ARISTOTELES und bestreitet den Theologen, als einzige das Recht zu haben, sich mit der Seele zu beschäftigen. Natürlich ist die Natur die Schöpfung Gottes. Doch heißt das nicht, daß alles durch Offenbarung zu erklären sei. Man müsse selbst beobachten.

So entsteht durch ALBERTUS MAGNUS eine empirische Seelenlehre. Sie basiert auf Beobachtung. Die Seele und der Körper sind in seinen Augen eine Einheit. Sie wirken aufeinander ein. Das Denken und das Wahrnehmen ebenso. So gibt es ohne Empfinden kein Denken. Aus dem Empfinden entstehen durch Denken und durch Abstraktion bestimmte Begriffe.

Ihr Vergleich führt zu allgemeinen Begriffen. Diese ermöglichen es, zu Urteilen und Schlüssen zu kommen. Es existiert also eine Art Leiter von der Empfindung zur Vernunft. Diese kann dann Modelle und Anschauungen entwerfen. Ohne eigene Erfahrung! ALBERTUS MAGNUS nennt dies den Geist.

Der GEIST ist unabhängig von der SEELE. Die SEELE aber ist abhängig vom GEIST. Der Geist LEITET die Seele. Der Geist ermöglicht den Willen. Das Gewissen setzt sich aus Willen und Vernunft zusammen. Es heißt Synteresis. “Seelenfunken” heisst das Gewissen bei dem Propheten EZECHIEL im Alten Testament. Auch für ALBERTUS MAGNUS ist es erblich und ein Bestandteil der Seele. Und das trotz des Sündenfalls im Paradies. Das Gewissen soll den Menschen an seine Sündhaftigkeit erinnern.

Es gab also Streit zwischen dem Dogma einerseits und der Lehre von Magnus andererseits. Er wurde durch THOMAS VON AQUIN entschieden. ALBERTUS MAGNUS war sein Lehrer. THOMAS VON AQUIN hält es mit ARISTOTELES und dessen Lehre von der Seele. Die Kirche hat die Lehre des THOMAS VON AQUIN zur offiziellen “Psychologie” der Theologie erhoben. Damit war der Dualismus Körper -Seele des ARISTOTELES anerkannt. Aber auch noch mehr.

Im wesentlichen sieht diese Lehre so aus: Der Mensch hat zwei Seelen, die anima vegetative und die anima rationalis. Die erste hat er mit Tieren, auch mit Pflanzen gemeinsam. Sie ist angeboren. Die zweite, sie heisst auch anima intellectiva, erhält er bei der Taufe durch einen Akt der Schöpfung Gottes. Gedächtnis, Denken, Wollen: Diese Dreiheit ist gleichzusetzen mit der göttlichen Dreiheit (Trinität). Ambivalente Folgen hat diese Theorie der Zweiteilung der Seele in eine vegetative Seele und in eine Vernunftseele, die von Gott kommt.

Zwar dürfen nun, mit Erlaubnis der Theologen, die körperlichen (somatischen) Phänomene der Seele durch die Naturwissenschaft untersucht werden. Doch alles andere darf nur der Gotteserkenntnis dienen.

Diese wiederum ist nur den Theologen vorbehalten. Zudem gilt nun: Alles Schlimme hat seine Ursache in der Umwelt oder ist eine Wirkung des Gegenspielers Gottes: des Bösen.

So vollkommen wie Gott, sie hat ja in ihm ihren Ursprung, muss die anima rationalis sein. Sie ist die eigentliche Seele. Wegen ihres Ursprungs kann an ihrer Vollkommenheit nicht gezweifelt werden, sie kann nur durch das Göttliche erkannt werden. Heute würden wir sagen: Nur mit einer Bewusstseinspsychologie kann man die Seele untersuchen.

Doch das magische Denken verschwand nicht, auch wenn die Seele eigentlich als Vernunftseele galt und den Gesetzen der Logik unterlag. Auch wenn Gedächtnis, Denken und Wollen in Analogie zur heiligen Dreifaltigkeit standen.

Magisches Denken, ekstatische Schau, dies galt der kenntnisreichen Äbtissin HILDEGARD VON BINGEN (1098-1179) zusammen mit der visionären Offenbarung als der Weg der Erkenntnis, auf dem man das Phänomen der Seele begreifen lernt. Sie untersuchte die Temperamente des Menschen und berücksichtigte die sexuellen Verhaltensweisen. Von Melancholikern weiß sie zu sagen: “Sie sind grob gebaut und haben zu niemandem rechte Liebe.

Mit den Weibern sind sie wie Esel. Lassen sie aber von der Lust, so werden sie leicht wahnsinnig. In ihrer Umarmung wütet ein teuflischer Einfluss, und so erzeugen sie oft teuflische Kinder.”

Doch auch bei den Frauen findet sie ein melancholisches Temperament schlecht. Ihrer Ansicht nach lieben solche Frauen die Männer nicht, sondern sind nur ausschweifend. Auch sind die meisten von ihnen unfruchtbar. Doch: “Wenn aber eine Melancholikerin einen starken, blutreichen Mann hat, dann kann es vorkommen, dass sie in ihren reifen Jahren, sogar noch mit fünfzig, noch ein Kind bekommt.”

Durch ihre von Papst Eugen III. anerkannte prophetische Gabe wurde die gelehrte Klosterfrau Hildegard berühmt. Eugen III. erkannte auch ihre visionäre Erkenntnis der Geistseele an. Diese beschrieb sie als Feuerkugel, wie die anima (Seele) Christi. Auch der Dominikanermönch Meister ECKHART (1260-1327) lehrt die Zweiteilung der Seele in einen körperlichen, niederen und einen Gott gleichen Teil.

Auch beim Erleben des Menschen muss unterschieden werden. Hier: Das Erleben der Umwelt. Dort: Das innere Erleben. Es bleibt dem Willen des Menschen vorbehalten, welcher Teil ihm wichtiger ist. Aber: Wahre Erkenntnis kann nur über das Gemüt, das Innewerden des göttlichen Seelenfunkens erfolgen. Gemüt heißt hier: Das Talent, gefühlsmäßig zu erleben. Am Ende steht die innere Erleuchtung. Das Ziel: Die Unio mystica, das Eins werden mit Gott.

Damit wird die platonische Seelenvorstellung durch ECKHART und andere Mystiker wie PARACELSUS (1493-1541), AGRIPPA VON NETTESHEIM (1486-1535), JAKOB BÖHME (1575-1624) und BALTHASAR GRACIAN (1601-1658) wieder lebendig. Und das ist gegen den vernunftmäßigen Seelenbegriff des THOMAS VON AQUIN und damit gegen ARISTOTELES gerichtet.

Für PARACELSUS sind Körper und Seele eine Einheit, wie die Erfahrung lehrt. Der Schweizer Arzt, der eigentlich THEOPHRASTUS BOMBASTUS VON HOHENHEIM hieß, war ein Gegner der von der Kirche und dem Staat verbreiteten Lehren. Weil Körper und Seele eine Einheit sind, kann man Krankheiten nur durch genaues Beobachten der menschlichen wie der übrigen Natur heilen.

Dennoch lehrt auch er eine siderische (sternenhelle) Seele, die uns mit dem Makrokosmos verbindet. Sie kommt aus dem Ewigen und ist ein Ebenbild Gottes.

An das ägyptische Ka erinnert der von ihm verwendete Begriff des lumen naturale. Er umschreibt damit eine natürliche, dem Lebendigen innewohnende Kraft.

Auch AGRIPPA VON NETTESHEIM war von Beruf Arzt. Gleichzeitig war er aber auch Jurist. Die Inquisition verfolgte ihn wegen der von ihm durchgeführten Untersuchungen von parapsychologischen Erscheinungen. So musste er diese Studien in einer wissenschaftlichen Geheimgesellschaft durchführen, die er in Paris gründete. In den Augen der herrschenden Schulwissenschaft war dies ein großer Makel. Sein bedeutendstes Werk ist 1533 erschienen: “De occulta philosophia”.

Darin kann man lesen, daß er sich mit der Gedankenübertragung, derTelekinese, aber auch mit vielen anderen parapsychologischen Phänomenen beschäftigt hat. Er hat auf diesem Gebiet auch experimentell geforscht, und zwar vor 1533 mit dem Abt TRITHEMIUS (eigentlich: JOHANNES HEIDENBERG aus Trittenheim), der von 1462 bis 1516 lebte.

Ein einfacher Schuhmacher aus Görlitz in Schlesien war JAKOB BÖHME (1575-1624). Ein sprachmächtiger, neugieriger und interessierter Mystiker an der Schwelle zur Neuzeit. 1620 berichtet er in der Schrift “Vierzig Fragen von der Seele” von seinen religiösen Offenbarungen und seinen Visionen. Weitere Werke folgen. So: “Von dem dreifachen Leben des Menschen”, “Weg zu Christo”, “Mysterium magnum”. Paraceslus’ Werke muss er gekannt haben, ist seine Lehre doch Mystik und Naturphilosophie in einem. Sie geht aus von der grundsätzlich sündhaften Seele.

Diese wird durch die Gnade Gottes erlöst. Daraus erstellt Böhme eine Naturlehre und -erklärung, in der die natürliche Welt ihren Ursprung in einer ganzheitlichen Gotteswesenheit hat. Das heißt aber: Das Böse, der Zorn, die Sünde, die Verneinung des Heiligen, auch sie haben in Gott ihren Ursprung. Damit widerspricht Böhme völlig der legalen christlichen Glaubenslehre und ihrem Dogma vom Dualismus des Guten und Bösen.

Man muss wissen, dass Böhme, wohl mittels einer visionären Schau, Vorstellungen wiederbelebt, die dem ursprünglichen vorchristlichen jüdischen Schöpfungsmythos entstammen. Dort ist der Satan (jüdisch sheitan oder auch mal’ak Jahwe) der Bruder Gottes, das heißt seine andere, dunkle Hälfte.

In seiner Schrift “Oraculo manual” stellt der spanische Jesuit BALTHASAR GRACIAN eine Lehre vor, mit deren Hilfe man geistreich (ingeniös) leben und denken kann. Er entwickelt scharfsinnige Lebensregeln auf der Basis moralphilosophischer Erkenntnisse.

GRACIAN selbst war in Tarragona Rektor des Jesuitenkollegs. Nur in seinem “Kommunionbuch” finden wir mystische Erlebnisse aufgezeichnet. Die Kommunion ist ein irrationaler Vorgang, ein Mysterium coniunctionis.

Dennoch ist sie für den Christen, der sie praktiziert, zu verstehen. Sie ist ohne Zweifel Realität, so wie die Existenz Gottes. So zweifelt ein Christ auch nicht an der Existenz der Seele und an ihrem überirdischen Ursprung. Doch müssen wir bedenken, wenn wir- heute – Begriffe wie magisch, mystisch, logisch usw. verwenden, um solche frühen Spekulationen über Erscheinungsform und Wesen des Psychischen zu beschreiben, dass wir nur verschiedene Formen des Erlebens und der Information erfassen können.

Während die Rationalisten die Seele als eine rationale Tätigkeit des Denkens verstanden, stellten die Mystiker emotionale Erlebnisse dagegen, um die Existenz der Seele zu beweisen. So führte die Gefühlserfahrung zur Erkenntnis. Durch die Erfahrung wollten sie mit ihren Meditationstechniken und der aktiven Imagination das Phänomen Seele verstehen und erklären.

Eine Zeit wissenschaftlicher Revolution ist die Renaissance (15. und 16. Jahrhundert). Die größte Revolution gelang KOPERNIKUS mit seinem Werk: “De Revolutionibus Orbium Coelestium” (“Über die Umdrehungen der Himmelssphären”). Kopernikus war Arzt und Astronom. Er wurde in Thorn (Polen) geboren und lebte von 1473 bis 1543. Die Sonne ist das Zentrum der Welt, nicht die Erde.

Das ist seine These. Auch, dass sich die Erde und alle anderen Planeten um die Sonne drehen. Zuvor war schon durch KOLUMBUS bewiesen worden, dass die Erde eine Kugel ist (Entdeckung Amerikas 1492). Früher glaubte man, sie sei eine Scheibe. An ihren Rändern dachte man sich die Ewigkeit und das Jenseits.

Mit den Forschungen des KOPERNIKUS war ein Umsturz verbunden. Die Lehren der Bibel, ihre gesamte Autorität, gerieten in Zweifel. Der Mensch war nicht mehr der Mittelpunkt der Schöpfung. Ein neues Weltbild entstand.

Was ist dein sehnlichstes Ziel? Es ist Zeit, es zu erreichen!