Lebensberatung

Die Geschichte der Seele – Die nachchristlichen Philosophen

Der griechische Philosoph Aristoteles, der Begründer der Kausalitätslehre, hatte keinen bedeutenden Einfluss auf Alexander von Makedonien, dessen Lehrer er zeitweilig war. Während sich Alexander um die Errichtung eines Weltreiches bemühte, legte er auf den aristotelischen, allzu wirklichkeitsfremden Rationalismus keinen Wert.

Aristoteles war in seiner philosophischen Gedankenwelt davon ausgegangen, dass alle Lebenserscheinungen auf rational erklärbare Ursachen zurückzuführen seien. Verständnis für kollektiv-psychische Phänomene und politische Strukturveränderungen waren in dieser Lehre nicht mit einbezogen.

Der Mensch als Teil einer Gemeinschaft, der ein soziales Leben zu führen imstande ist, musste den Sinn seines Lebens in der Vernunft sehen. Man konnte ihn mit seiner vernunftbegabten Seele wohl kaum den anderen Lebewesen mit ihrer nur animalischen Körper Seele gleichstellen.

Ziel war es, die Bürger mit den nötigen Tugenden vertraut zu machen, um die Grundlage für ein angenehmes und beschauliches Dasein zu schaffen. Menschen, die die Regierungsgeschäfte und die politische Macht gestalteten, waren auf geistige und ideelle Werte wie Verstand, Gerechtigkeitssinn und Güte angewiesen.

Die von Aristoteles verfasste Lehre des philosophischen Dualismus und seine auf die Idealstaatslehre gerichtete Kausalitätslehre konnte Griechenland nicht vor der barbarischen Eroberung durch die Makedonier bewahren.

Das philosophische Gedankengerüst konnte die politische Führungsgesellschaft der Wohlstandsrepublik Athen lediglich in ihrem Selbstverständnis bestätigen, blieb dabei aber reine Theorie.

Das griechische Volk konnte die Eroberung und Unterwerfung durch die Makedonier als einen barbarischen Akt werten. Man schrieb den Eindringlingen deshalb auch eine animalische Körperseele zu, die das oberste Weltprinzip mit einer nach Tugenden strebenden Vernunft nicht kannte.

Viel blieb nicht von der Seelenlehre des Aristoteles erhalten. Als in der Folgezeit die Römer die Weltherrschaft übernahmen, wurde aus der Seelenlehre des Aristoteles eher eine Art von tröstender Lehre.

Verantwortlich für eine philosophische Erneuerung, die sich in Abgeklärtheit, Toleranz und Vernunft und dem Bild einer unsterblichen Seele abzeichnete, waren die Stoiker und Epikureer. Die Angst vor dem Tode wurde überwunden, da man über allem einen ewigen, eher philosophischen als göttlichen Weltgeist regieren sah. Ein Weiterleben sollte durch Geisteswerke möglich sein.

Wem die philosophischen Ratschläge jedoch kein Trost sein konnten, das waren die besitzlosen Veteranen, die rechtlosen Leibeigenen und die Frauen, die nach römischem Recht als Eigentum des Mannes galten. Die Folge der politischen Wirren waren Sklavenaufstände im gesamten Römischen Reich.

Die Funktion der offiziellen Staatsreligion war auf einen nichtssagenden Diesseitskult begrenzt. Sie eröffnete der nach einem Halt suchenden Bevölkerung keine für die Allgemeinheit verbindlichen psychischen Leitlinien, die richtungsweisend hätten sein können.

Diese Krise versuchten sowohl die römischen Kaiser als auch die Staatsbürokratie galant durch verstärkte Konsumanreize und durch Zirkusspiele zu überspielen. Die vorhandene zweite große Kulturkrise des Abendlandes setzte die herrschende Elite außerstande, die kollektiven psychischen Muster eines Wandels zu verstehen.

Rein auf Vernunft und Nützlichkeit beschränktes Denken und die Ablehnung oder Geringschätzung alles Seelischen untermauerte die Krise. Es gab zu dieser Zeit weder eine theologische noch eine philosophische Psychologie.

Ein kollektiver Bewusstseinssprung vollzog sich im Römischen Reich als ein Phänomen, das als eine Folge der christlichen Seelenvorstellung zu deuten ist. Man kann davon ausgehen, daß die Ausbreitung der christlichen Lehre bis zur Anerkennung als Staatsreligion unter Kaiser Konstantin nicht nur sozialpsychologische Ursachen hatte.

Der Einfluss der antiken griechischen Philosophie auf die Beurteilung der Seele durch die sogenannten Kirchenväter kann nicht geleugnet werden. Als einen hauchhaften subtilen Stoff, ähnlich dem Subtle-body oder Astralkörper, stellte sich Tertullian (155-220 n. Chr.) die Seele vor. Er legte dabei unter anderem die Atomtheorie von Demokrit zugrunde.

Ein vorstellbares, figuratives Bild der Seele lehnt Gregor von Nyssa (331-394 n. Chr.) entschieden ab. Die beiden frühchristlichen Philosophen Tertullian und der später lebende Origines (185-254 n. Chr.) bestreiten heftig den von Jesus Christus verkündeten Gleichheitsgrundsatz, dass wie der Mann auch die Frau eine Seele haben könnte.

Grundlegende Lehren der Medizin und der Philosophie, vornehmlich Studien der Anatomie und der Physiologie, erhalten ihre Bedeutung für die kommenden Jahrhunderte bis ins späte Mittelalter hinein. Sie gehen zurück auf Claudius Galenus (ca. 131 -ca. 200 n. Chr.), den neben Hippokrates bekanntesten Arzt seinerzeit.

In nichtchristlicher Überzeugung ging erden philosophischen, wissenschaftlichen und psychischen Fragen in etwa 300 Schriften nach. Nur ein Drittel dieser Werke dürfte aber wirklich von ihm stammen. In seinen Werken behandelt er vorrangig die Bewusstseinsvorgänge.

Er hebt zwei Unterschiede hervor: Zum einen die Wahrnehmung der Sinneseindrücke und zum anderen das denkende Bewusstsein. Die Seele umschließt jedoch beide geistigen Handlungen.

Unbekannter Herkunft ist der Philosoph Plotin (204-270 n. Chr.). Außerordentliche Leistungen im Erforschen der Seele werden ihm zuerkannt. Man weiß von ihm, dass er in dem einstmalig als Weltstadt geltenden Alexandria elf Jahre lang zubrachte. Eine gewisse Zeit hielt er sich im Gefolge Gordians III. (röm. Kaiser) auf, der nach Persien zog.Ab 244 n. Chr. begann er in Rom mit einer wissenschaftlichen Lehrtätigkeit, die sich auf den Bereich der Psychologie beschränkte.

Frei von jedem Dogma und somit frei von der Lehre Aristoteles setzte er sich in großer Breite mit psychischen Informationen aus allen religiösen und philosophischen Gedankenbildern der Seele auseinander. Überdies untersuchte er psychische Techniken jeglichen Ursprungs. Dabei überprüfte er deren Verwertbarkeit, wobei er auch die Einflüsse der Magie berücksichtigte.

Seine Arbeit hatte er in einem Gedankenmodell, das in späterer Zeit von Schülern in Schriften festgehalten wurde, ausgedrückt. Seine Theorie besagt, dass Psyche, Mensch und Kosmos eins sind, so wie der gesamte Kosmos einen Körper darstellt. Die Psyche ist sowohl Struktur als auch Bindungsenergie der Materieteilchen, die sich nach ihrem Gesetz verbinden.

Der Geist ist insoweit am Aufbau der Psyche beteiligt, als er die Bindungsenergie und somit die Dynamik bereitstellt. Durch ihn kann sich Materie in Gegenstände verwandeln. Die Seele ist verantwortlich für den Zusammenschluss der Dinge, die als Einheit gelten. Die Vorstellungen Plotins grenzen an die der heutigen Atomwissenschaft vom Aufbau des Lebendigen (Zellorganismus,Kernteilchen, Atomkern, Atom, Molekül, Zelle,  Organ, lebender Körper).

Dieser Aufbau, der sich in Stufen vollzieht, wird von der Atomwissenschaft als Bewegung der Kernteilchen in “kollektiven Bewegungen” und “Einteilchenbewegung” dargestellt. Ähnliche Überlegungen wie zum Mikrokosmos stellt Plotin auch über den Makrokosmos an. Die ersten Gedanken hierzu treten schon bei Demokrit auf. Bei Plotin jedoch verlieren sie ihren bildhaften Charakter und werden wirklichkeitsnäher.

Die Welt der Psyche erwächst aus dem Untergrund des Seins. Ihre Realität ist stärker als die sinnliche und materielle. Der Begriff der Zeit ist nicht klar definierbar. Es kann daher nur eine relative Zeit geben, so wie es auch nur einen permanenten Schöpfungsprozess ohne konkreten zeitlichen Verlauf gibt. Man könnte lediglich von verschiedenen zeitlichen Stufen sprechen, die den zeitlichen Ablauf der Schöpfung in Bilder fassen. Geschichte ist somit die zeitliche Abhandlung von Ursachen und Zusammenhängen des Seins.

Die Lehre Plotins stieß bei seinen Zeitgenossen auf Verständnislosigkeit und später auch auf strikte Ablehnung, was man seinen Kritikern nicht verübeln konnte. Plotin hatte offensichtlich einen zeitlichen Sprung gemacht, der zu dem theologisch ausgerichteten Verständnis von Psychologie seiner Zeit in Widerspruch stand. Seine Gedankengänge und seine Imaginationen wurden von den christlichen Philosophen schlichtweg als ketzerische Entgleisungen verurteilt.

Seine Ethik traf entgegen christlichen Vorstellungen keine Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Sie entfernte ihn damit von verständnisbereiter christlicher Haltung der ihn als Sektierer und Ketzer verurteilenden Kritiker. Nach Plotin ist die Ausprägung von Gut und Böse eher aus einer Verknüpfung von Bewusstsein und Unterbewusstem abzuleiten.

Unterbewusstes und kollektiv Unterbewusstes sind von Plotin gebrauchte Begriffe, die ihrer Zeit voraus sind. Er unterscheidet nicht zwischen Innen und Außen. Für ihn existieren nicht zwei voneinander unabhängige ursprüngliche Prinzipien im Weltgeschehen: Ich-Gott, Ich-Welt, Ich-Du. Das individuelle Bewusstsein hat teil am Ganzen, dem kosmischen Bewusstsein des Universums.

Die Psyche ist dabei das Abbild des Bewusstseins. In streng enthaltsamer, entsagender und tugendhafter Lebensweise soll sich der Mensch in das eigene seelische Innere vertiefen, um somit einen Einblick in die psychische Welt zu gewinnen. Regeln und Methoden legt Plotin jedoch nicht starr ideologisch fest.

Da er die Selbstversenkung mehr im Sinne einer Belebung des Bewusstseins verstanden wissen will, schafft er eine methodische Anleitung, Neues zu finden, anstatt alles auf mystischer Ebene zu belassen. Er steht damit im Widerspruch zu der Lehre Platons, die als passiv-visionär, gilt. Ebenso steht er seinem Vorläufer Hermes Trismegistos entgegen.

Höhnend und spottend äußert er sich über die magische und mystifizierende Denkweise, die als Zeichen seiner Zeit den meisten Sekten eigen ist. Plotin ist sich allerdings darüber im klaren, dass das Fundament seiner Lehre nicht von jedermann verstanden wird.

Plotin hatte es geschafft, unter Kaiser Gallienus, dessen Berater er war, mehrere bedeutende Gelehrte zu versammeln. Es gelang ihm jedoch nicht, den Kaiser vom Sinn und Nutzen einer Stadt zu überzeugen, in der eine unabhängige Gelehrtenrepublik entstehen konnte. Einen Wandel ihrer Bedeutung erfährt die Seele unter Konstantin, der auf dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.) das Christentum als Staatsreligion anerkennt, und durch die spätere Taufe des Kaisers, die Papst Sylvester vornahm.

Psychisch-philosophische Spekulationen werden durch den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele verdrängt. Die christliche Weltanschauung erhebt die Seele zu einer erstrangigen politischen Größe.

Nahezu ein Jahrtausend nahmen die Lehren des Afrikaners Aurelius Augustinus (354-430 n. Chr.) entscheidenden Einfluss auf die Doktrin der christlichen Seelenforschung. Er sammelte Erkenntnisse über die Beeinflussbarkeit der Massen. In Karthago, Rom und Mailand lehrte er die Rhetorik und verfolgte deren ideologische Wirkung auf die Menschen.

Entscheidend für ihn ist (und das unterscheidet seine Lehre von der Gnosis (Gotteserkenntnis) Plotins) das Evidenzerlebnis. Dieses besagt – und dabei bezieht er sich auf seine Beobachtung psychischer Vorgänge -, dass sich durch meditative Selbstversenkung ein seelisches Erlebnis einstellt und den Weg zu einer zweckgebundenen Bewusstseinserweiterung frei macht.

Augustinus findet in dem Evidenzerlebnis eine Rechtfertigung für den christlichen Glauben, zu dem sich Paulus in einem spontanen Glaubensgrundsatz bekennt. Für Paulus existiert der Mensch als ein in erster Linie sündhaftes Wesen. Der Mensch wird durch den Vollzug der Taufe und damit dem Bekenntnis zur christlichen Lehre von seiner Erblast, dem Sündenfall des ersten Menschen, befreit.

So kann er mittels seiner seelischen Fähigkeit eine Entscheidung für das Gute oder Böse treffen. Augustinus nimmt den Glaubensgrundsatz von Paulus als Wegweiser für seine Auseinandersetzung mit dem Wissen um Seele und Gewissen an.

Erfahrbar wird das Wirken und Wesen der Seele durch die Verfeinerung des Erlebten. Augustinus setzt sich von den Naturerkenntnissen der Gnostiker ab, die alle religiösen Glaubensvorstellungen objektiv auf ihren Wahrheitsgehalt hin untersuchen. Er bedient sich der Lehre des Aristoteles, die sich mit der Seele befasst, und gleicht sie der christlichen Glaubenslehre an.

Die von Aristoteles geprägten Denkschemata und wissenschaftlichen Deutungen setzt er in moraltheologische Gedanken um. Für ihn ist die Verbindung von Gedächtnis, Denken und Wollen eine Ähnlichkeit oder Gleichsetzung zurTrinität Gottes. Auch Platon ist ihm in seinen Lehren ein Vorbild. So wie Platon meint Augustinus, die inhaltliche Beschreibung der ewigen Ideen, aus denen unabänderliche göttliche Wahrheiten wurden, könne durch die Güte Gottes zur Erleuchtung führen, wenn eine Selbstbeobachtung oder Selbsterkenntnis vorausgehe.

Der Mensch wird der irdischen Welt teilhaftig und kann sie erschließen durch den Einsatz seiner Sinnesorgane, seines Gehirns und die Möglichkeit der körperlichen Bewegung. Ohne diese genannten Möglichkeiten ist die Seele nicht in der Lage, sich an der Welt zu orientieren und die Organe zu steuern.

Schwierigkeiten entstehen für die Seele dann, wenn körperliche Einflüsse wie Bedürfnisse, Triebe, Begierden und natürliche sowie unnatürliche Verhaltensweisen sie an einer freien Entfaltung hindern wollen. Das Gedächtnis, der Verstand und die Phantasie verschaffen dem Menschen die Möglichkeit, sich den schlechten Trieben und Instinkten, die der Erbsünde entspringen, entgegenzustellen.

Um die Reihe zu vervollständigen, sollen zum Schluss zwei weitere Philosophen aus der Übergangszeit Erwähnung finden:

Proklos (411-485 n. Chr.) und Anicius Boethius (480-525 n. Chr.). Proklos ist bekannt als der herausragendste Befürworter des sogenannten Neuplatonismus. Entsprechende Übersetzungen und Erläuterungen des platonischen Denkens gehen auf Proklos zurück. Er verfasste zudem eine Einführung in die Philosophie Platons, die sechs Bände umfasst.

Für ihn ist das Ekstaseerlebnis ein wertvoller Schritt zur Erkenntnis des Absoluten, der seelischen Ureinheit. Nach Platon vollzieht sich das Ekstaseerlebnis in der unerforschlichen Ideenwelt. Die Ureinheit oder Urseele bringt in Triaden (Dreizahl) alle daraus folgenden Erscheinungsbilder hervor.

Die Ureinheit kann auf die Präsenz des höchsten Verstandes, des allumfassenden Wissens, verweisen. Die sich stufenmässig vom Urwesen über die Götter weiterentwickelnde Intelligenz bringt das Seelische des Menschen hervor, das in eine dämonische und eine menschliche Seele aufgeteilt wird.

Boethius ist eher in seiner Funktion als Märtyrer zu erwähnen. Als Ratgeber des Ostgotenkönigs Theoderich hatte man ihn wegen seiner christlich-römischen Glaubenseinstellung hingerichtet. In der Übersetzung und Erläuterung der Philosophie des Aristoteles kommt ihm eine gewisse Bedeutung zu. Seine über fünf Bände verteilte Abhandlung “De consolatione philosophiae” ist jedoch nahezu frei von Gedanken über den christlichen Glauben.

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