Lebensberatung

Die Geschichte der Seele – Die Leib-Seele

Die Leib-Seele-Problematik der neuzeitlichen Philosophie – auf der Suche nach Erkenntnissen

Infolge der zweifelhaft gewordenen Aussagen der Bibel und infolge der zerbrechenden Herrschaft der Kirche, die jahrhundertelang als unumstößliche Macht galt und deren Lehre eine für jeden Wissenschaftler verbindliche Erkenntnisgrundlage umschloss stellte man auch den die abendländischen Universitäten beherrschenden Aristotelismus in Frage.

Denn immerhin war Aristoteles als vorchristlicher Philosoph keine unangreifbare Autorität, obwohl seine der kirchlichen Glaubensverkündigung entsprechenden Lehren, vor allem seine These von der Erde als Mittelpunkt des Universums, von dieser übernommen wurden. Auf die aristotelische Philosophie stützt sich auch die Seelenvorstellung der Kirche, die von Thomas von Aquin weiterentwickelt wurde.

Die der aristotelischen und kirchlichen Lehre widersprechende heliozentrische Theorie des Kopernikus war jedoch nur einer von mehreren Faktoren, die vor knapp 500 Jahren das Mittelalter zum Einsturz brachten. Entgegen den Vorstellungen von Giovanni Battista Vico (1668-1744) kam es auch nicht zu der Entstehung einer scienza nuova, zu einem völligen Umsturz in den Naturwissenschaften und der Philosophie: “Es gibt einfach keine wissenschaftliche Leistung zwischen 1450 und 1600, die nicht entweder schon lange vorher in der Antike vollbracht wurde oder wenigstens hätte vollzogen werden können. Das Weltbild der sonnenumlaufenden Planeten des KOPERNIKUS ist auch das Weltbild des ARISTARCH, der um 280 v. Chr. lebte.”

Die Renaissance, eine Zeit der wissenschaftlichen Neuerungen und Entdeckungen, ist aus der heutigen Sicht vielmehr als ein Wiedererstarken der Neuplatoniker zu werten. Sie umfasst ein Aufbegehren gegen Kirche und Staat, den privilegierten Trägern des aristotelischen Rationalismus. Die neuplatonische Naturphilosophie ist von der des Pythagoras abgeleitet.

Sie gelangte durch den Islam nach Europa und wurde dort von Wissenschaftlern, Ärzten, Mathematikern und Naturforschern trotz der Gefahr der kirchlichen Verfolgung, der Inquisition, der Kerkerhaft und der Verbannung und trotz der Machtinstrumente der weltlichen Herrscher weiterentwickelt.

Die pythagoreische Philosophie beruht auf einem ganzheitlichen Weltbild, sie geht von der Einheit des Menschen mit dem Universum sowie von der Einheit des Leibes und der Seele aus. Die pythagoreische Geisteshaltung wandte sich gegen den unglaubwürdig gewordenen, seit 1000 Jahren in Europa herrschenden Dualismus der aristotelischen Philosophie, die sich auf das Dogma der Gespaltenheit des Psychischen stützte.

Durch diese Philosophie kam es zu einer extremen Überbewertung der sogenannten Geisteswissenschaften und zu einer Missachtung der praktischen Naturforschung, wogegen sich die pythagoreische Geisteshaltung wehrte. Mit ihr war die neue Grundlage für Berechnungen und Experimente geschaffen, gegen die sich der einseitige aristotelische Rationalismus gewehrt hatte und die jetzt von den Wissenschaftlern der Renaissance genutzt wurde.

Die Entdeckungen und Erfindungen der Renaissance, Schießpulver, Kompass, Räder Uhr Buchdruck und vieles mehr, waren sicher nur Nebenprodukte der im geheimen betriebenen Naturforschung. Jedoch gewannen sie an Wichtigkeit, da nur mit ihrer Hilfe eine Erweiterung der politischen Macht im Sinne von Landentdeckung und -eroberung möglich war, wie z. B. die enorme Ausdehnung des Heiligen Römischen Reiches unter Karl V. (1500-1558). Karl V. war schließlich der Herrscher eines Reiches, in dem die Sonne nie unterging. Fürsten und Staatsmänner begannen folgerichtig ein großes Interesse für die experimentelle Forschung zu zeigen, endlich wurden auch die einst verfolgten Naturwissenschaftler anerkannt.

Mit der Ausbreitung der pythagoreischen Geisteslehre brach ein neuer Streit unter den Gelehrten über den Begriff der Seele hervor. Diese Auseinandersetzung wurde mit äußerster Heftigkeit geführt, ihre Ausläufer reichen bis in die Gegenwart. Der Grund für diese Wissenschaftsfehde liegt in dem Leib-Seele-Problem.

Für die Aristoteliker und die Rationalisten war das Leib-Seele-Problem schon gelöst. In seiner “Summa theologae” begründet Thomas von Aquin den mittelalterlichen Dualismus von Geist und Körper. Die anima rationalis, die die Gedanken, den Willen und das Gedächtnis umfasst, kann mit dem Leib keine Einheit bilden. Sie ist dem Menschen bei der Taufe von Gott gegeben, Gott erhebt so den Menschen zum wahren Sein.

Die Sinneswahrnehmungen der Umwelt, species sensibiles, werden mit Hilfe des Verstandes in Begriffs- oder Erkenntnisbilder, species intelligibiles, umgesetzt. Das ist jedoch nur möglich, weil die gottgegebene anima rationalis die Strukturen und Muster der Gegenstände der Umwelt enthält. Die Natur, die Sinneswelt sind für den Menschen nur erkennbar und erfahrbar, weil seine ratio die Erkenntnismuster schon beinhaltet.

Auch Rene Descartes (1596-1650), der Begründer der neuzeitlichen Vernunftphilosophie, sieht in der ratio den einzig sicheren Erkenntnisweg. Sinneswahrnehmungen und Vorstellungsbilder der Umwelt können trügerisch sein. Es ist zweifelhaft, ob diese überhaupt der Wirklichkeit entsprechen, da der Mensch ja auch im Traum bildhafte Vorstellungen erlebt, die nicht real sind.

Descartes schloss daraus, dass die gesamte Umwelt, ja selbst unser Körper, nur ein Produkt der Einbildung, also irreal sein könnte. Die menschliche Fähigkeit zu denken, die Gedanken sind jedoch unbezweifelbar und real. Rene Descartes fasst dies in dem Lehrsatz “Cogito, ergo sum!”, “Ich denke, also bin ich!” zusammen. In ihm zeigt sich die Einsichtsfähigkeit der Vernunft. Für Descartes ist dieses “Ich denke, also bin ich!” eine Grundwahrheit, der Kernsatz seiner gesamten Philosophie.

Karl Jaspers kritisiert in seiner Abhandlung “Über die Wahrheit” (1947) die kartesianische Philosophie. Ihr Kernsatz sei zwar interessant, aber unfruchtbar. Er sage letztlich nur aus, dass der Denkende existiere. Für Descartes allerdings hatte er mehr bewiesen.

Wenn die menschliche Vernunft ein zweifelsfreies Erkennen der eigenen Existenz vermochte, dann war sie auch fähig, prinzipiell das Sein zu erkennen. Descartes führt Gott als endgültigen Beweis dafür an. Von ihm, der die letzte Wahrheit verkörpert, stamme die Vernunft. An Gott und somit auch an der ratio zu zweifeln, sei unmöglich, da die Vorstellung von Gott in unserer Vernunft verankert ist, da Gott also existent ist.

Descartes’ Beweisführung entspricht einem Circulus vitiosus, einem Zirkelschluss, und ist somit hinfällig. Er leitet die Existenz eines Phänomens von der Existenz einer entsprechenden Vorstellung ab.

Außerdem fehlt bei Descartes die Überlegung, dass nicht alle Menschen zu den gleichen gedanklichen Vorstellungen fähig sind. Dass es mehr menschliche Unvernunft als Vernunft gibt, wusste jedoch auch Descartes.

Zwar sagte er in seinem “Discours de la methode” (“Abhandlung über die Methode” – damit ist die Methode, mittels der Vernunft philosophische Erkenntnisgrundlagen zu schaffen, gemeint):

“Kein Ding ist in der Welt besser verteilt als der gesunde Menschenverstand”, was gern von seinen Anhängern zitiert wird. Aber die Fortsetzung lautet:

“Denn jeder glaubt, damit so wohl versehen zu sein, dass selbst, wer in allem anderen noch so schwer zu befriedigen (ist), nicht gewohnt ist, mehr davon zu wünschen, als er besitzt.”

Auch hier bedient sich Descartes eines Circulus vitiosus, er beweist eine Behauptung durch eine These. Die Ironie dieses Satzes ist jedoch unübersehbar.

Immerhin versteht Rene Descartes die Unvernunft, die Unzulänglichkeit des menschlichen Verstandes nicht mehr als Auswirkung der durch Thomas von Aquin entwickelten Vorstellung einer anima vegetativa, die dem Bösen im Menschen, dem Teufel, entspricht, sondern er untersucht eingehend den Zusammenhang von Leib und Seele im Menschen.

Descartes geht davon aus, dass Denken dem Besitz von Bewusstsein entspricht. Bewusstsein und Psyche sind identisch, wo das Bewusstsein fehlt, ist auch keine Seele. Descartes stellt sich das Bewusstsein als etwas Substantielles vor, er lokalisiert es im Gehirn. Also folgt jeder psychischen Tätigkeit eine Veränderung von Materie, von Substanz im Gehirn. Der Sitz der Seele befindet sich für Descartes in der glandula pinealis, der Zirbeldrüse.

Gott, den Engeln und den Menschen ist eine Seele und ein Bewusstsein gegeben, da nur diese an der göttlichen Gnade teilhaben. Die Tiere, obwohl sie im Besitz eines Gehirns sind und einige auf einer höheren Entwicklungsstufe stehende Tiere auch eine Zirbeldrüse haben, sind lediglich seelenlose, nur zu Reflexen fähige Automaten, denen jegliches Bewusstsein fehlt.

Bemerkenswert ist die Entwicklung des Reflexbegriffes durch Rene Descartes. In neurophysiologischen Untersuchungen erforschte er den animalischen Reflexmechanismus, er benutzte sogar schon den Begriff des “bedingten Reflexes”.

Descartes durchbricht mit seiner Leib-Seele-Forschung erstmals offiziell das Tabu der katholischen Kirche, die sich entschieden gegen neurologische und neurophysiologische Untersuchungen und Experimente am tierischen und menschlichen Körper wandte.

Auf Descartes’ einzigartige Bedeutung als Mathematiker kann leider nicht näher eingegangen werden. Es ist jedoch zu erwähnen, dass er die Grundlage der Analytischen Geometrie schuf. Seine mathematischen und neurologischen Forschungen, besonders die Untersuchungen des Gehirns, weisen stark auf Kenntnisse der pythagoreischen Naturforschung hin.

Eine zeitweilige Zugehörigkeit zu dieser Wissenschaftsschule ist unumstritten, obwohl Descartes in seinem “Discours de la methode” lediglich erwähnt, dass er alchemistische Werke gelesen habe. Er bekennt jedoch, dass es ihm erst nach einem Jahr durch einen Traum möglich war, sich seine Entdeckungen und Erforschungen bewusst zu machen und sie richtig anzuwenden.

Sir Francis Bacon of Verulam (1561-1626) ist der bekannteste neuzeitliche Vertreter der pythagoreischen Wissenschaftsschule. Er befürwortet die Befreiung der Wissenschaften von der Kirche und der Theologie und wendet sich gegen die Vorurteile den Naturwissenschaften gegenüber. Sein Ziel ist die Ausübung einer unbefangenen und uneingeschränkten experimentellen Forschung, durch die die Natur dem Menschen dienstbar gemacht werden kann.

In diesem Zusammenhang ist die Erforschung der Naturgesetze vorrangig und wichtig. Dies legt er in seinem Werk “Novum organon” dar. Bacon sieht alle Wissenschaften in den Seelenkräften vereint. Er unterteilt diese Kräfte in Gedächtnis, Phantasie und Verstand und ordnet ihnen die Geschichte, die Poesie und die Philosophie zu. Nach der pythagoreischen Lehre waren die Sterne die Heimat der Seele. Die psychische Energie des Kosmos hatte in der Seele Gestalt angenommen. Dieser Energie war das psychische wie auch das physische Leben des Menschen zuzuschreiben, ebenso das menschliche Bewusstsein und die Vernunft.

Die universale Vernunft war im ganzen Kosmos vorhanden, Vorstellungen von einem Gott, der diese allumfassende Vernunft auf bestimmte Sphären beschränkt, die dem Menschen nicht zugänglich sind, wurden abgelehnt.

Diese universale Vernunft musste folglich in jedem Menschen, überall, in jedem noch so kleinen Teil des Kosmos verwirklicht sein, egal, ob in lebender oder toter Materie. Sie äußerte sich in jeder Naturerscheinung, sie war der Natur immanent.

Die Ziele der experimentellen Naturforschung, deren Vertreter im Rahmen der neuzeitlichen Philosophiegeschichte auch Empiriker genannt wurden, entsprachen denen der rationalistischen aristotelischen Philosophie.

Beide Richtungen wollten mehr über die Ursprünge der Vernunft und über allgemeingültige Weltgesetze erfahren, jedoch beschritten sie grundsätzlich verschiedene Wege.

Die Empiriker versuchten durch Beobachtung, Erfahrung und Erforschung mehr über ihre Umwelt, besonders über den Menschen selbst, zu erfahren. Die Rationalisten wollten mit Hilfe von Denk- und Vorstellungsmodellen und auch von Spekulationen zum gleichen Ziel gelangen. Da die Empiriker die Natur, den Leib und die Seele als kosmische Einheit verstanden, schlossen sie daraus, dass sie allein aus der Beobachtung und Erforschung des Menschen Erkenntnisse über dessen Seele bzw. die universale Seele gewinnen könnten.

Die verschiedenen Ansätze der Empiriker und Rationalisten spalteten die Philosophie, seit der Zeit Bacons und Descartes’ existieren zwei, einander feindlich gesinnte Richtungen. Während Bacon von seinem berühmten Satz “Wissen ist Macht” ausging, ist die Überzeugung der Rationalisten besser in der Aussage “Glauben ist Macht” ausgedrückt. Denn die Rationalisten waren Dogmatiker.

Nikolas de Malebranche (1638-1715), ein Schüler Descartes’, übernimmt einige der Auffassungen seines Lehrers. Auch für ihn ist das Gehirn der Träger der Psyche, außerdem die Steuerungsinstanz für körperliche und geistige Funktionen. Malebranche glaubt nicht an eine Einheit von Leib und Seele. Die Seele ist für ihn Gott nahe, sie verbindet das Göttliche mit dem Weltlichen.

Mit der Welt ist die Seele nur durch die Sinne verknüpft, diese sind leicht zu täuschen und trügerisch. Die wahre Erkenntnis liegt nur bei Gott, das heißt, sie ist nur durch den reinen Geist möglich. Die Vernunft stellt den einzigen Weg dar, diese Erkenntnis zu erreichen. Der Verstand ist ebenfalls ein Teil der Seele. Er muss jedoch erst durch den Willen aktiviert werden. Dieser Wille ist teils von Gott vorherbestimmt, das heißt, ihm sind Ziele vorgegeben, jedoch besteht er außerdem noch aus der Triebhaftigkeit des Körpers, aus bestimmten Leidenschaften.

Baruch de Spinoza (1632-1677) widerspricht Malebranche in seinen Thesen. Spinoza geht von einer universalen Seelenvorstellung aus, sein Grundsatz lautet: “Deus sive natura!” – “Gott ist gleich der Natur!”
Es gibt nur eine einzige Realität, jedoch verschiedene Erscheinungsformen dieser Wirklichkeit, die auch begriffliche Unterscheidungen verlangen. Gott und die Welt, Seele und Körper sind einige Beispiele dafür. Der Leib ist die äußere Erscheinungsform, die Seele die innere Erscheinungsform einer Realität, beide gehören untrennbar zusammen.

Der Leib kann nicht ohne Seele existieren, die Seele nicht ohne Leib. Der eine Begriff ist ohne sein Gegenteil unsinnig, der andere auch. Das menschliche Bewusstsein hat die Funktion eines Spiegels, der die Umwelt nach innen und die Psyche nach außen projiziert.

Arnold Geulincx (1624-1669) entlehnt seine kritische analysierende Methode der kartesianischen Lehre. Das Zentrum seiner Philosophie ist jedoch das Ich des Menschen. Er erkennt mehrere Bewusstseinsebenen, die sich aus verschiedenen Teilen, dem Willen und der Fähigkeit zu denken, zusammensetzen und sich somit voneinander unterscheiden.

Die letztlich wahre Erkenntnis ist dem Menschen nur durch die Wahrnehmung möglich, das Denken allein reicht nicht aus. Geulincx nimmt an, dass es keine Möglichkeit der direkten somatischen Beeinflussung der Psyche gibt, da die Wahrnehmung des Bewusstseins nicht der sinnlichen Wahrnehmung entspricht.

Der englische Philosoph John Locke (1632-1704) ist neben Bacon ein weiterer wichtiger Vertreter der empirischen Naturwissenschaften und der Psychologie. Er beschäftigte sich hauptsächlich mit der inneren Wahrnehmung, dem Erleben von Ideen. Diese Ideen stellten psychische Realitäten dar. Überhaupt unterscheidet Locke schon zwischen der Bewusstwerdung psychischer Inhalte und der einfachen Tätigkeit des Bewusstseins. Die Wahrnehmungsreize der Umwelt, rein äußere Reize, die er als “sensations” bezeichnet, erfahren eine Umwandlung in “reflections”, sie werden zu Bewusstseinsinhalten.

Für ein Kind ist diese Tätigkeit des Bewusstseins allein auf die Wahrnehmung äußerer Eindrücke beschränkt, die kindliche Psyche ist zunächst völlig unbelastet, sie arbeitet völlig ohne Reflexion.

Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646-1716) nimmt eine herausragende Position in der neuzeitlichen Philosophie ein. Norbert Wiener erklärt ihn zum Schutzpatron der Kybernetik, denn die Philosophie Leibniz’ “kreist um zwei eng verwandte Begriffe – den einer universellen Symbolik und den eines Kalküls der Vernunft!”

Nach dem Muster der Demokritschen Atomtheorie schuf er seine Monadenlehre. Darin setzt er den Mikrokosmos dem Makrokosmos gleich. So ist das Psychische im Menschen für Leibniz mit dem Universum identisch.

Norbert Wiener hat auch aufgezeigt, dass sogar die von Leibniz vertretene Vorstellung einer prästabilisierten Harmonie als universales Grundgesetz bereits kybernetische Züge trägt.

Leibniz lehrte, dass der Kosmos aus einer unendlichen Anzahl energiereicher Teilchen ‘ zusammengesetzt ist. Diese sind sowohl gleichartig als auch individuell verschieden. Statt des Begriffs “Atom” benutzt Leibniz den der Monade. Die Monaden unterliegen bestimmten Naturgesetzen nach den Regeln der statistischen Wahrscheinlichkeit.

Sie bilden den gesamten Kosmos und enthalten das geistige, unzerstörbare und ewige Informationsmuster des Lebens. Jedes Teilchen trägt die Information des gesamten Bauplans des Universums in sich und besitzt die Fähigkeit der Perzeption. (Leibniz versteht unter “Perzeption” die unterbewusste Vorstellung des Musters, nach dem sich die Monaden zusammenfügen.) Da die Monaden alle gleichartig sind, ist auch jedes Teil des Universums identisch aufgebaut und mit den anderen Teilen verwandt, gleichgültig, ob es sich um ein “totes” Kristall, ein Tier oder den Menschen handelt.

Über allem steht jedoch ein formendes Prinzip, das ein zielgerichtetes und vorgegebenes Informationsmuster beinhaltet. Nach diesem teleologischen Bauplan formen sich die Atome zu verschiedenartigen Körpern, um eine höhere, aufeinander abgestimmte Harmonie der Dinge, das Universum, zu schaffen. Leibniz sieht den Menschen als Bindeglied zwischen der atomaren Welt des Mikrokosmos und dem Universum, dem Makrokosmos.

Im Menschen wird die Perzeption in die Apperzeption verwandelt. (Perzeption, lateinisch, “das Empfangende”, meint die Wahrnehmung; Apperzeption ist von dem neulateinischen adpercipere abgeleitet und meint die “Hinzuwahrnehmung”.

Das Geheimnis der Spiritualität

Apperzeption ist der Begriff für die Reflexion einer Wahrnehmung im Bewusstsein, auch die Einordnung in einen Bewusstseinszusammenhang.

Apperzeption ist also “die Voraussetzung von Geist”. Dies geschieht jedoch meistens unterbewusst. Wenn nun der Bewusstseinsgrad des einzelnen gesteigert wird, so ist der Mensch auch zu einer Steigerung der Informationsimpulse und zu deren Verarbeitung fähig. Der Aufbau des Menschen, seine Leib-Seele-ldentität, lässt erkennen, dass seine Psyche alle Muster und Informationen des Universums enthält.

Sie sind als Spuren im Menschen vorhanden und beschränken sich nicht auf das Wissen und die Erfahrungen der Gegenwart, sondern umschließen mit dem Universum auch die Vergangenheit und die Zukunft, somit die gesamten Erfahrungen der Menschheit und des Kosmos. Im Universum ist “der Mensch” unsterblich.

SIR ISAAC NEWTON (1642-1727), ein Zeitgenosse von Leibniz und ein großer Mathematiker und Physiker, dessen geisteswissenschaftliche Schriften unglücklicherweise kaum bekannt wurden, weil die meisten von ihnen verschollen sind, wendet sich gegen das kirchliche Dogma der Dreifaltigkeit. Er glaubt nur an ein einziges göttliches Wesen, das über allem steht. Newton erkennt im immensen Kosmos die “Geheimschrift” Gottes, die er auch in den kleinsten Teilen vermutet. Er kleidet seine Entdeckung der Differentialgleichung auch in Geheimzeichen, als er sich mit Leibniz in Verbindung setzt.

Newton versucht, durch eine nach innen gekehrte Einbildungskraft die Stärke zu gewinnen, mit der es möglich ist, Gott zu überwinden, ihn zu stürzen, um das Rätsel der “Geheimschrift” zu lösen, das die göttliche Vorbestimmung dem Menschen aufgibt. Mit dieser Stärke hofft Newton auch die Dimensionen zu zerstören, das heisst, die Zeit zu überwinden, das Rätsel des Ursprungs des Kosmos und der Elemente sowie das der Gesundheit und der Unsterblichkeit des Menschen zu lösen.

ETIENNE BONNOT DE CONDILLAC (1715-1780) gilt als Hauptvertreter des Sensualismus. Diese Lehre setzt die menschliche Seele den Empfindungen gleich, ihre Entwicklung ist allein durch die Umwelt bedingt und gewährleistet. Condillac erkennt angeborene Anlagen und Instinkte nicht an, nach seiner Ansicht ist der Mensch allein vom Milieu geprägt.

Alle seine Äußerungen und Reaktionen sind die Produkte . seiner Empfindungen, sein Denken ist eine abgeleitete Form dieser Empfindungen. Der Verstand, die Sprache, das Begehren, die Triebe drücken nur Empfindungen aus. Der Verstand und die Sprache tun dies mit Hilfe von Lautzeichen. Condillac beschreibt seine Philosophie bildhaft.

Er vergleicht den Menschen mit einer Statue, die erst langsam und stückweise zum Leben erweckt wird, weil ihre Sinne nach und nach erwachen.

Mit dem Buch “Systeme de la nature ou le /o/s du monde physique et du monde moral” wurde die bis ins 20. Jahrhundert reichende Grundlage des reinen Materialismus geschaffen. PAUL-HENRIE THIRY, BARON d’HOLBACH (1723-1789), der in Paris dem Kreis der Enzyklopädisten angehörte, legt in diesem Werk sein Verständnis vom Menschen und seiner Umwelt dar.

Er versteht den Menschen als Produkt der Materie. Nur die materielle Erscheinungswelt und ihre Bewegungen sind wirklich. Somit lassen sich Gedanken und Gefühle, falls sie einen materiellen Wert beinhalten, nur als physikalische Bewegungen kleinster Teile erklären. Eine Unterscheidung zwischen der materiellen und der moralischen Natur des Menschen empfindet Holbach als unsinnig und unnütz.

Das sechsbändige Hauptwerk von FRANCOIS MARIE AROUET (1694-1778), der sich VOLTAIRE nannte, beschreibt die psychologisch-historische Untersuchung der Seele im Hinblick auf die gesamte kulturelle Evolution. Voltaire sieht die Weltgeschichte als Entwicklungskampf der Menschen. Er kritisiert sie. Seinen Schriften lassen sich bereits Ansätze seiner Entwicklungsgeschichte des Bewusstseins entnehmen.

In seinen psychologischen Erzählungen “Micromigas” und “Candide ou l’optimisme” wendet sich Voltaire eindeutig gegen Leibniz und dessen Anspruch, dass “unsere Welt die beste aller möglichen ist”.

Voltaire hat diesen selbstsicheren Vernunftglauben zu seiner Zeit wegen des Erdbebens von Lissabon scharf verurteilt und kritisiert. Er veranschaulicht die Leibnizsche Feststellung von der “unendlich kleinen” Bewusstheit, die er in den meisten Menschen erkennt. Die Menschen sind irrational, sie handeln wider alle Vernunft und sind triebgesteuerte Geschöpfe.Voltaire sieht keinen Grund, dies zu beschönigen.

DENIS DIDEROT (1713-1784) verwirklichte mit anderen Gelehrten zusammen die Idee des enzyklopädischen Lexikons. Es sollte alles menschliche Wissen in sich tragen, dabei jedoch vorurteilsfrei sein.

Diderots philosophische Richtung entspricht der Holbachs. Beide sind Materialisten. Auch die 1754 geschaffene Erklärung des Bewusstseins ist streng materialistisch. In ihr leitet Diderot alle psychischen Erscheinungen von Bewegungen der Atome ab. Empfindungen resultieren aus dem Freiwerden und Verschmelzen von Atomen.

Diese befinden sich ständig in Bewegung. Alle Vorgänge im Menschen können so physikalisch erklärt werden. Die Einheit des Bewusstseins entsteht allein durch die Assoziationsfähigkeit der Empfindungen, also der Bewegungen der Atome.

JEAN JACQUES ROUSSEAU (1712-1778), ein bedeutender Kritiker des naturwissenschaftlichen Rationalismus, der mit Diderot zusammen an der Enzyklopädie arbeitete, beschäftigte sich besonders mit der Psychologie des Kindes und des Jugendlichen. In seinen Erziehungsromanen “Emile” und “La nouvelle Heloise” griff er die autoritäre Erziehung an und stellte deren Schwächen bloß.

Ihr wird angelastet, dass sie als Erziehung für eine nach sozialer Rangordnung gegliederte Gesellschaft das Kind einschränkt. Dem Kind ist damit eine volle Bewusstseinsentfaltung nicht möglich. Die Entwicklung der psychogenetischen Pädagogik erfuhr durch Jean-Jacques Rousseau eine neue Richtung. Sie war bahnbrechend für spätere Forschungen auf diesem Gebiet. Rousseaus “Confessions” (“Bekenntnisse”) bedeuten für die Psychoanalyse ein Musterbeispiel für die Wichtigkeit der Lebenserfahrungen eines Kindes bei der Entstehung von Neurosen und Komplexen.

Auch die “Erziehung des Menschengeschlechtes” von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING (1729-1781) ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Die Schrift enthält eine kritische Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Von großer Wichtigkeit ist jedoch Lessings Übersetzung und Herausgabe des 1575 erschienenen “Examen de ingeniös para la sciencias”, unter deutschem Titel als “Jüan Huartes Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften” veröffentlicht.

Dieser Jüan Huarte (um 1520-1589) war ein spanischer Arzt. Sein Werk ist ein wichtiger Beitrag zur psychologisch untermauerten Staatslehre, deren Darstellung Lessing für seine “aufgeklärt absolutistische” Zeit als notwendig erachtete. Huarte beschäftigt sich in “Examen de ingeniös para la sciencias” mit der menschlichen Intelligenz und den verschiedenen Begabungen.

Er untersucht die humoralen, modern ausgedrückt: die endikrin-hormonalen, zerebralen, eugenischen und klimatischen Aspekte, die den Menschen beeinflussen und die sein Wesen prägen. Huarte entwirft bereits Versuchsanweisungen zur Feststellung der Intelligenz und der Begabung. Weiterhin fordert er die Bildung einer Prüfungskommission zur Berufsberatung. Von großer Wichtigkeit erscheint ihm eine Zulassungsprüfung für Beamte und Politiker, die nicht nur nach der Intelligenz, sondern auch nach dem Bewusstsein, der moralischen Verantwortung fragt.

IMMANUEL KANTS (1724-1804) Beitrag zur Definition der Seele findet sich u. a. in seinem Hauptwerk “Kritik der reinen Vernunft”. Darin untersucht er die Möglichkeiten und die Grenzen der Vernunft und stellt fest, dass diese letztendlich auf psychische Erfahrungen angewiesen ist.

Fehlen diese Erfahrungen, so verwickelt sie sich unweigerlich in Antinomien (Widersprüche). Aus seiner Skepsis heraus entwickelt er die Lehre von der völligen Unerkennbarkeit der “Dinge an sich”. Das heißt, dass der Mensch den Rahmen seiner psychischen und physischen Erfahrungen nicht verlassen kann. So ist Gott auch nicht erkennbar und seine Existenz nicht beweisbar.

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE (1749-1832) beschäftigte sich auch mit der Psychologie, so, als er bei Johann Kaspar Lavaters (1741-1801) Werk “Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe” mitarbeitete und desweiteren bei seiner Darstellung “Zur Farbenlehre”, in der er die Entdeckungen und Thesen Newtons widerlegen wollte.

Goethes Weltanschauung lehnt sich stark an die von Leibniz an. Goethe war, ebenso wie Leibniz, gleichzeitig Staatsmann, Jurist, Biologe, Physiker und Mathematiker. Er hatte in Straßburg Medizin studiert. Mit der Theologie beschäftigte er sich auf Anregung seines Freundes Herder hin.

Alchemie interessierte ihn in seiner Jugend. In seinem “Faust l und II” vereint er beides, seine dichterischen Fähigkeiten und seine wissenschaftlichen Ansichten und Kenntnisse. Hinzu kommt noch eine eingehende Beschäftigung mit der antiken Mythologie. Goethe meint im Menschen das sensorium commune zu erkennen, das allgemeine Sinnesorgan der Natur. Dieses ist allumfassend und lebendig.

Es entwickelt sich vom Einfachen zum Mannigfaltigen, mit dem Ziel der Höherentwicklung, des Weiterkommens. Formgestaltende Muster versteht Goethe als Symbole, die die “Erscheinung in Idee” verwandeln, “die Idee in ein Bild, und so, dass die Idee im Bilde immer unendlich wirksam und unerreichbar bleibt und selbst in allen Sprachen ausgesprochen doch unaussprechlich bleibe”, wie es in seinen “Maximen und Reflexionen” heißt.

FRIEDRICH VON SCHILLER (1759-1805), in späteren Jahren ein kritischer Freund Goethes, setzte sich eingehend mit der Kantschen Philosophie auseinander, was besonders in seiner 1780 veröffentlichten medizinischen Dissertation “Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen” zu erkennen ist, vor allem aber in seinen “Ästhetischen Briefen”. Schiller geht davon aus, dass der Körper durch die Seele gebildet und geprägt wird.

Er glaubt weiter, daß die ersten Jugendjahre die Gesichtszüge eines Menschen, also sein Äußeres, sowie seinen moralischen Charakter verändern. Schiller sieht den Leib also noch als Ausdruck, als Abbild des Seelischen.

Den gemeinsamen Studien der Theologie und Philosophie der Philosophen GEORG FRIEDRICH WILHELM HEGEL (1770-1831) und FRIEDRICH WILHELM JOSEPH VON SCHELLING (1775-1854) in Tübingen entsprang ein fruchtbares Wirken der Gelehrten, insbesondere zum Thema “Seele”. Gerade ihre während der gemeinsamen Studienzeit geschlossene Freundschaft, die für beide eine starke Bindung bedeutete, bereitete ihr Wirken vor.

Hegels intensiver Beschäftigung mit der Leibnizschen Philosophie folgte seine “Phänomenologie des Geistes”, der grandiose erste Teil des “Systems der Wissenschaft”.

Hegel schuf die Grundlage des späteren materialistischen Rationalismus sowie des dialektischen Materialismus. Grundlage des ersteren ist sein Werk “Wissenschaft der Logik”, des letzteren die von Hegel entwickelte dialektische Methodik in der “Phänomenologie des Geistes”.

Die dialektische Fragestellung war schon Platon bekannt, jedoch hatte er sie noch nicht zur Methode ausgebaut. Bei keinem von beiden steht jedoch als logischer und zwingender Schluss der Materialismus als Endform der dialektischen Methode.

Auf dem Feld der Psychologie fordert Hegel die “Systematik der Forschung”, was oft falsch ausgelegt wurde. Hegel vertritt nicht die Auffassung, dass eine Psychologie der Vernunft die einzig wahre Erkenntnisquelle ist. Unter der “Systematik der Forschung” versteht er vielmehr die menschliche Psyche als Gegenstand der Anthropologie, die Funktionen des Bewusstseins als Gegenstand der Phänomenologie und die Fähigkeiten des Geistes (Anschauen, Vorstellen, Erinnern usw.) als Untersuchungsgebiet der Psychologie.

Hegels These “Alles Wirkliche ist vernünftig, und alles Vernünftige ist wirklich” ist nicht kausal, sondern final zu verstehen. Der selbständige Gebrauch der Vernunft, die eigene Entscheidungsfreiheit sind nicht die Folge einer angeborenen, gegebenen Vernunft, sondern Produkte der geistigen Anstrengung der Individuation. Nur aufgrund dieser ist es dem Menschen möglich, “vernünftige” Erkenntnisse von seinem Leben zu gewinnen. Triebe und Leidenschaften entspringen dem Unterbewusstsein und unterliegen eigenen Gesetzen.

Hegel erkennt als Ziel des absoluten Geistes im Menschen die völlige Bewusstwerdung. Nur ein bewusster Mensch ist nicht mehr der Spielball seiner Leidenschaften und seiner, Triebe.

FRIEDRICH WILHELM JOSEPH VON SCHELLINGS “Identitätslehre” war bahnbrechend für die gesamte moderne empirische Tiefenpsychologie, die Psychiatrie und die Psychosomatik. In ihr beschäftigte er sich ausgiebig mit der Leib-Seele-Problematik. Schelling sieht das Universum als dynamischen Organismus an, der durch den Geist zum Selbstbewusstsein gelangt.

Natur und Psyche, Objekt und Subjekt, Reales und Ideelles sind daher im Prinzip identisch. Bereits 100 Jahre vor C.G. JUNG untersucht Schelling eingehend das Unterbewusste und kennt sogar das kollektive Unterbewusste, “das überall vorhanden ist”, nicht nur das persönliche, das individuelle. Im Unterbewussten sind Ideen existent, die einem kollektiven psychischen Steuerungsmuster entsprechen. – C.G. Jung findet für diese später die Bezeichnung “Archetypen”.

Schelling erforscht auch bereits die psychologische Bedeutung der Mythologie in bezug auf diese Archetypen, die er “gesamtkosmische Informationen” nennt.

Ein Freund Schellings, der Naturphilosoph und Lehrer an der Universität München GOTTHILF HEINRICH SCHUBERT, widmete sich der Erforschung des Unterbewussten in seinem Werk “Symbolik des Traumes”. In “Die Krankheiten und Störungen der menschlichen Seele” schreibt er über den somatischen Magnetismus.

FRIEDRICH NIETZSCHE (1844-1900), von Thomas Mann der letzte große europäische Denker genannt, wollte die Zwänge der Gesellschaft zerstören. “Zerbrecht die alten Tafeln der Werte!” lehrte er. “Ein jeder trägt eine produktive Einzigkeit in sich, als den Kern seines Wesens; und wenn er sich dieser Einzigkeit bewusst wird, erscheint um ihn ein fremdartiger Glanz, der des Ungewöhnlichen.” In dem Satz “Es gibt keine Institutionen, welche Du höher zu achten hättest, als Deine Seele” sagt Nietzsche, was er unter dieser Einzigartigkeit des Menschen versteht.
“Der Wille zur Macht” ist für ihn nicht der Wille der voluntaristischen Psychologie und der Nützlichkeitsmoral seiner Zeit, sondern es ist der Wille zur Höhe, zur Bewusstheit. ”Ich lehre Euch den Übermenschen”, heißt es im “Zarathustra”. “Der Mensch ist etwas, was überwunden werden soll.”

Im Vergleich zu diesem Ideal des Übermenschen erscheint der “Normalbürger”, der nicht nach Bewusstheit strebt, als eine Art Rohform des wahren Menschen. ’Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und eben das soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.”

Dies ist Nietzsches Antwort auf die “Psychologie der Seele”, wie sie der Bonner Philosoph F.A. LANGE (1828-1875) aus dem Materialismus ableitet. Worum es Nietzsche in seinem Postulat vom Übermenschen ging, ist – modern ausgedrückt – das Bemühen um mehr Erkenntnis, um Bewusstseinserweiterung.

Das gleiche Ziel, jedoch mehr von der Hegeischen Philosophie ausgehend, verfolgte EDUARD VON HARTMANN (1842-1906). Es ist in seinem bekannten Werk “Philosophie des Unbewussten” dargelegt.

Hartmann geht davon aus, dass die Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen, die Erkenntnis, subjektiv ist, das heißt, bei jedem Menschen unterschiedlich. Demgegenüber muss es aber auch objektive Prinzipien geben, da die menschlichen Anschauungs- und Denkformen mit der Daseinsform der Dinge im wesentlichen übereinstimmen.

Hartmann äußert in der “Philosophie des Unbewussten” die These, dass die subjektive Erkenntnis und die objektiven Prinzipien eins sind, da die unterbewusste universale Weltvernunft in allen Dingen und auch im Menschen manifestiert ist.

KARL JASPERS (1883-1969) schrieb dem Verstehen als psychologischem Erkenntnisweg besondere Bedeutung zu. Er verstand darunter die Ergründung pathologischer Erscheinungen des Psychischen. Seine “Allgemeine Psychopathologie”, entstanden 1913, gehört noch heute zu den Standardwerken der Psychiatrie und der therapeutischen Psychologie.

Auch Jaspers sieht die experimentelle naturwissenschaftliche Methode als aussichtsreichsten Weg, neurophysiologische Prozesse kennen zu lernen und zu verstehen.

Allerdings ist diese These von der Sinnhaftigkeit der Organisation des Psychischen ebenso an Axiome gebunden, also an Annahmen, wie die materialistische Lehre von Darwin, die die Evolution auf einen bestimmten Zweck hin ausgerichtet sieht.

CHARLES DARWIN (1809-1882) glaubt an die Selbsterhaltung als Ursache des Kampfes um das Dasein. In der daraus resultierenden Auslese manifestiert sich die quantitative Fortentwicklung der Arten. Seine Thesen bieten kaum Lösungsmöglichkeiten der Leib-Seele-Problematik an, sie sind rein materialistisch. Seine Lehre lässt die Fragen offen, wer, wenn die Evolution theologisch ausgerichtet ist, diese in Gang gesetzt hat und welches Endziel, welcher Zweck erreicht werden soll.

Ein schlichtes Überleben kann nicht das Ziel und der Sinn des Lebens sein. Aus darwinistischer Sicht wäre der Mensch gar eine Fehlentwicklung der Natur, da er, besonders seit Anfang des 20. Jahrhunderts, diese Natur mit Hilfe seiner einzigartigen Intelligenz, die ihm bisher das Überleben sicherte, systematisch zerstört.

Sein Selbsterhaltungstrieb müsste ihm gebieten, sich blitzartig auf die Primatenstufe der “Affenvettern” zurückzuentwickeln. Wenn das Psychische nicht sinnlos ist, auch in leibgebundener Form einen Sinn hat, muss es folglich auch einen Sinngeber, ein übermenschliches seelisches Wesen geben.

Die Körperlichkeit, die materielle Welt könnte dann nur eine Durchgangsstufe für die menschliche Seele sein, es wäre also wünschenswert, diese so schnell wie möglich zu verlassen, die Welt zu überwinden, wie es Buddha lehrte. Die Beschäftigung mit körperlich-seelischen Phänomenen wäre völlig sinnlos, sie hätte sich erübrigt.

Liegt der Sinn der Evolution aber im Nirwana, dann hat der Mensch die Möglichkeit zu einer schnellen und gründlichen Zerstörung der Welt und seiner eigenen Art schon erreicht.

Hat jedoch die Evolution überhaupt keinen Sinn oder Zweck, dann ist auch das menschliche Leben nichtig. Diese Annahme findet man in der heutigen Zeit häufig, obwohl sie oft unterbewusst verdrängt wird.

Die jahrhundertelange Diskussion der Philosophen über die Seele war immer rein akademischer Natur, sie war nur für eine Oberschicht geschrieben und blieb ohne Auswirkungen auf die Gesellschaft, den Menschen und seine Umwelt.

Erst im 18. Jahrhundert, verknüpft mit den Bemühungen einiger Ärzte, Geisteskranken zu helfen und Irrenanstalten zu reformieren, um menschenwürdige Zustände zu schaffen, gewann die Beschäftigung mit der Seele an Bedeutung. Die Behandlung und Heilung von Geisteskranken erzwang sie.

Im 19. Jahrhundert entstand die Psychiatrie als eigenständige medizinische Disziplin, die Ärzte hatten die Seele entdeckt.

„Ziel des Lebens ist Selbstentwicklung.
Das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen,
das ist unsere Bestimmung.“
Oscar Wilde

Erfolg 8.0 für Fortgeschrittene

 

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