Die Geschichte der Seele – Die altindische Erlösungslehre

Aus jüngerer Zeit als derjenigen Ägyptens stammen die frühesten bekannten Vorstellungen, die mündlich und schriftlich überliefert sind. Die diesbezüglichen Traditionen wurden im sogenannten “Veda” festgehalten, dessen ältester Teil um 1200 v. Chr. entstand.

“Veda” ist das Sanskrit-Wort für “Wissen”. Die Hindus bezeichnen damit die heiligen Schriften in ihrer Gesamtheit. Die Schriften, welche zunächst über Jahrhunderte hinweg sehr präzise in mündlicher Form überliefert wurden, bevor sie dann in vier umfangreichen Sammlungen schriftlich niedergelegt wurden.

Diese ältesten schriftilichen Dokumente beinhallen Spruch Weisheiten, Hymnen und Gebete Altindische Priester, die Brahrnanen, schufen dazu eine umfangreiche Literatur, die sogenannten “Brahmanas”, die sowohl die historische Entstehung als auch die rituelle und “liturgische” (Liturgie – griech.. “Dienst am Volk”] Bedeutung dieser Traditionen erläutert und interpretiert.

Zu den Brahmanas zählen auch die Upanishaden [Geheimlehren}, die später als die eigentlichen vedischen Schriften entstanden sind. Sie stützen sich auf die im Veda überlieferte Weisheit und stellen gewissermaßen die eigentliche Zusammenfassung der ursprünglichen Vorstellungen vom Wesen des Seelischen dar.

Wie bei dem ägyptischen Ka und dem Ba stößt man In den Upanishaden wiederum auf die Lehre von den zwei Aspekten des Psychischen In Indien werden die beiden Erscheinungsformen der Seele als Asu und Manas oder auch als Atrnan und Brahman bezeichnet Ähnlich differenziert auch der chinesische Taoismus mit den Begriffen Yang und Yin. Allerdings unterscheidet sich ihre jeweilige Bedeutung in den einzelnen Kulturen. Bis zum Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. könnte die Bewußtseinsrevol -ution in Indien ähnlich verlaufen sein wie in der ägyptischen Kultur.

In der Weise, daß sich differenzierte Vorstellungen von den geistigen Funktionen und dem Wesen des Psychischen aus einem prähistorischen Ammismus heraus entwickelt haben. Diese Annahme beruht auf den Erkenntnissen der modernen Symbolforschung. (Einen gleichartigen Entwicklungsablauf kann man bei den frühen Hochkulturen Süd- und Mittelamerikas feststellen ) Aus den Quellen des Veda und der Upanishaden lässt sich ableiten, dass in Indien ein Bewusstseinssprung, wie wir ihn im Zusammenhang mit der großen Kulturkrise zu Beginn der ersten Zwischenzeit in Altägypten beschrieben haben, offensichtlich nicht stattgefunden hat.

Der Prozess der menschlichen Bewusstwerdung ist hier in ganz anderer Richtung verlaufen als im Ägypten, was die Auffassungen und die Definitionen von Atman und Brahman beweisen.

Atman ist die individuelle Seele, Brahman die Weltseele. Beide sind identisch. “Aharnbrahmaasmi” – “Ich bin das Brahman”, sagt der Eingeweihte mit einem Upanishad-Vers von sich Für den Inder ist Atman gleich Brahman – das Absolute das einzig wirklich Existente. Die physische Welt, soweit sie der Mensch mit seinen Sinnen wahrnimmt, ist Maya, nur Schein. Die vedische Religion, die eine Vorstufe des Brahmanismus und Hinduismus darstellt, geht von einem reich bevölkerten Gotterhimmel mit einer Anzahl von menschenähnlichen Einzelgottlheiten aus. Es handelt sich dabei um die Nachkommen voizeitlich-animistischer Geister und Dämonen.

Aus diesem Grund sind auch die entsprechenden Kulte. Bräuche und Opferituale sehr kompliziert.

Das diesbezügliche Wissen jedoch ist “niederes Wissen”, auch die Vorstellung von Brahman als einer personifizierten Gottheit wird so gewertet. Solange sich der Mensch auf dieser Erkenntnisstufe befindet, ist er als Individuum sterblich. Zwar ist seine Seele durch die Einheit mit der Weltseele unvergänglich, jedoch ist sie dazu verurteilt, nach dem physischen Tod des Menschen weiter zuwandern  und in anderen Lebensformen wiedergeboren zu werden.

Wie weit sich der Mensch im Verlauf seiner Seelen Wanderung dieser Inkarnation bewusst wird, ist eine andere Frage. Das höhere Wissen der Upanishaden vermittelt Erkenntnisse, die die Seelen Wanderung überflüssig machen. Diese Erkenntnisse zeigen den Weg zur Erfahrung des Absoluten, zum Eins werden mit der Weltseele und führen zur Erlösung des Menschen aus der Trügerischen Welt des äußeren Scheins, der Maya. Die Weltanschauung der altindischen Weisheitslehrer ist in ihrer Tendenz pessimistisch. Auch Buddha wird später verkünden: “Geburt ist Leiden, Tod ist Leiden, Trennung ist Leiden, Gewünschtes nicht zu erlangen, ist Leiden.

Die Ursache des Leidens ist im Willen zum Leben an sich zu sehen, der im Menschen durch die sinnliche Welt erzeugt wird. Daraus folgt, dass das einzige Ziel die Überwindung der Welt und die Erlösung im Nirwana sein kann. Nirwana bedeutet “Erlösung” oder “Verwehen”.

Das Erstaunliche an dieser vedischen Philosophie ist, dass plötzlich die Vorstellung einer Erlösung auftaucht, die nicht ohne weiteres psychologisch erklärbar ist, da es sich nicht um eine Erlösung des Menschen von seinen Sünden handelt, wie dies später im Christentum der Fall sein wird.

Die Vorstellung der Erlösung taucht auch schon im Ägyptischen Totenbuch auf. Sie kann in fast allen Religionen nachgewiesen werden, und zwar als die treibende Grundidee für die Gestattung eines Opferkults.

Es ist hinzuzufügen, dass der Sündenbegriff im Laufe der Evolutionsgeschichte im Zusammenhang mit der fortschreitenden Unterwerfung der Natur durch den Menschen entstanden ist. Da jeder Eingriff in die Natur gleichzeitig die natürliche Ordnung stört, ist er gleichzeitig eine Sünde gegen die Natur.

Sie wurde als göttlich begriffen da sie für den Menschen der Frühzeit übermächtig und unerklärbar war. Durch ein kultisches Opfer wurde die Gottheit versöhnt, der Mensch von seiner Schuld befreit, also auf magische Weise die Harmonie zwischen dem Menschen und der göttlichen Naturordnung wiederhergestellt.

Ganz offensichtlich passt die Veda-Vorstellung von der Erlösung des Menschen nicht in diesen Rahmen, denn sie zielt nicht etwa darauf ab, dem Menschen zu dem Bewusstsein zu verhelfen das das Leiden nur als Folge seines eigenen Fehl -verhaltens ansieht.

Auch leitet sie den Menschen nicht dazu an, seine geistigen Fähigkeiten zu nutzen, um gegebene Kausalzusammenhänge und Ordnungen zu erkennen. Genauso wenig zeigt sie dem Menschen Wege zu einer kollektiven Bewältigung von Leiden als Folge von Seuchen, Umstürzen und Katastrophen auf, von Leiden, deren Ursachen sich die Menschen zunächst nicht selbst zuschreiben könnten.

Die Abkehr von der Welt und die Sehnsucht nach Erlösung, die Bestandteile des Veda und Brahmanismus sind, finden ihren Niederschlag auch im Buddhismus. Er ist die zweite große Religion, die in Indien entstanden ist. Ihr Gründer war der Prinz Siddhartha Gautama (ca. 560 – 480 v Chr.), Sohn des Stammeskönigs Suddhodana.

Er verließ den Palast seines Vaters, um vierzig Jahre lang predigend durch den Norden Indiens zu ziehen. Er fand den “edlen achtfachen Weg” zur Erleuchtung durch die freiwillige Annahme eines Leidens, indem er das Schicksal der Ärmsten seines Volkes teilte. Deshalb nannte man ihn Buddha (“der Erleuchtete”).

Aus psychologischer Sicht kann man die bewusste Auseinandersetzung mit dem Leiden, die Buddha durch seine Wanderschaft auf sich nahm, als das Bemühen um das Erkennen der Lebensrealität bezeichnen. Allerdings führte dieses Erkennen zu anderen Ergebnissen als die Überlegungen der griechischen Naturphilosophen vor Sokrates. Aus der Erreichung einer höheren Bewusstseins stufe erwuchs im Westen eine höhere Stufe auf zivilisatorischen und kulturell-geistigem Gebiet, während dagegen in Indien -zumindest aus westlicher Sicht – eine geradezu selbstmörderische Lebenseinstellung aus der Entdeckung der Seele resultiert.

Nicht in einer Umgestaltung und Verbesserung der Welt liegt für den Inder das Heil, sondern im Verzicht auf das Leben und in der Abkehr von der Welt. Die Erlösung liegt nicht in der Auferstehung, das heißt in der Fortdauer der geistlichen Individualität, sondern im Erlöschen der Persönlichkeit und in der Rückkehr in ein tiefes Unterbewusstsein, in einen psychischen Kosmos.

Es ist nicht eindeutig zu klären, warum die Bewusstseinsrevolution im Fernen Osten diesen und im Westen jenen Verlauf nahm. Auf jeden Fall sind die Erkenntnisse, die im Lauf der Zeit in den Buddhisten-Klöstern Tibets und Indiens sowie in den Weisheitsschulen der Brahmanen in bezug auf psychisch physiologische Zusammenhänge und psychosomatische Wechselwirkungen gewonnen wurden, faszinierend, genau wie die daraus abgeleiteten psychischen Techniken, die heute im Westen unter dem Sammelbegriff “Yoga” zusammengefasst werden.

Allerdings stellt der Yoga, der im allgemeinen im Westen praktiziert wird, nur eine Art “niederes” oder “äußeres” Wissen von den in Indien tatsächlich bekannten Steuerungstechniken psychischer Funktionen dar.

Das “höhere” Wissen, das dahinter steht, die als Geheimnissen gehütete Grundlagenforschung der indischen Psychosophie, wird in der heutigen Zeit erst nach und nach zum Gegenstand ernsthafter und exakter Wissenschaftlicher Forschung.

„Am Fortschritt der Moral beteiligt,
sind wir darüber einig nun,
dass nicht der Zweck die Mittel heiligt.
Doch der Erfolg wird’s ewig tun.“
Ludwig Anton Salomon Fulda

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